Monatsarchiv für January 2009

Pling Peng

NaDenn 27. January 2009

In der “Correio de Manha” vom Samstag ist zu lesen, dass einem türkischstämmigen Paar in Deutschland Vierlinge geboren wurden. Man sieht den schmalen Vater recht fassungslos dreinblickend über ihr Bett gebeugt und auch der Mutter gehe es gut, heißt es.

Ich hoffe, dass die Tatsache, dass ich nun endlich nach zehnjährigem Aufenthalt an der Algarve so in etwa das hiesige Ideom verstehe dem “Akşam” (nationales, türkisches Boulevardblatt) ebenfalls eine Schlagzeile wert ist. Man sieht die erschöpfte, aber glückliche Sprachschülerin neben einem Stapel nutzloser Lehrbücher stehen und sie hält ein Transparent über den Kopf, auf dem “Trrrrrrrrrkk!” geschrieben steht.

Das ist Algarvio und heißt: “Leute! Am Wochenende war wieder was los! Da hat der Bär in der Botega getobt!” Es kann aber genausogut heißen: “Alle mal herhören! Da ist doch gestern einem Chinesen in Pling Peng ein Sack Reis aufs Bein gefallen!”

Der Bewohner der Algarve, dem südlichsten Zipfel Portugals – gleich übers Meer fängt Afrika an – verschluckt die Vokale und hat somit die Gelegenheit, sehr viel mehr Information in einer Kette von Konsonanten unterzubringen als das Völkern, die sich erst umständlich mit Kiefer und Zunge um stimmhafte Laute herummanövrieren müssen,  möglich ist. Der Algarvio ist deshalb auch mit Reden schneller fertig, was wiederum Auswirkungen auf seinen gesamten Alltag, außer die Mahlzeiten und das Schwätzchen am Bankschalter hat.
Während es sich der Deutsche mit seinem Milchkaffee noch gerade auf den harten, unbequemen Stühlen im Café gemütlich zu machen sucht, ist der Algarvio schon wieder verschwunden. Ein rascher Espresso (Bica) an der Theke und ins Auto rein und eben zum Meer und vielleicht noch eine Kulturveranstaltung und dann Abendessen.

“To!” – das sollten Sie sich eventuell merken, ruft man hier, wenn man sich auf einer öffentlichen Toilette befindet, die keine Vorrichtung zum Abschließen hat. Das heißt “estou!” und auf Deutsch ” Hier bin ich!” – also besetzt.

Immerhin, ein Vokal ist noch da.

Schlaflos

NaDenn 23. January 2009

Der Infant Dom Sebastião wurde mit 14 Jahren König von Portugal, dagegen ist Barack mit seinen 47 schon alt, was mich angeht aber jung, denn ich bin im selben Jahr geboren wie er – und über wen herrsche ich?
Wollte ich überhaupt herrschen? frage ich mich tröstend als nächstes. Dom Sebastiao hätte sich fragen können, ob er als Alternative denn ein Leben als ewiger Prinz vorgezogen hätte, ähnlich jenem fernen Charles, dessen Ohren eine feste Einfassung sicher schon eher gut getan hätten – aber auch er hatte keine Wahl.

Was macht man mit 14 auf dem Thron? Die Feierlichkeiten sind vorüber, die Geschenke alle ausgepackt.  Sebastião sitzt da im großen Saal und knibbelt an den Fingernägeln. Jemand bittet um eine Audienz. Komisch, um diese Zeit? Es ist halb vier in der Früh. Soll rein kommen.

Ein altes Mütterlein mit einer Kiepe auf dem Rücken. “Junger Herr”, krächst es.
“Was fällt ihr ein? Verbeuge sie sich, bevor sie mit mir spricht!”
Das Mütterlein verbeugt sich und dabei kullert der Kiepeninhalt vor ihr auf den Boden: blanke Äpfel, Kämme, Mieder…
“Was habt ihr da, Mütterchen? Lasst sehen!”
Der König ist aufgesprungen und wühlt unmajestätisch im Angebot. Ein besonders rotbäckiger Apfel weckt sein Interesse und er beißt herzhaft hinein. “Nein! Der ist nicht …!” – hört er das Mütterchen noch in weiter Ferne schreien – und bricht bewusstlos zusammen.

Als er wieder zu sich kommt, bemerkt er wie jemand schwitzend und vor Anstrengung laut stöhnend seinen Knabenbrustkorb bearbeitet. Es ist ein merkwürdig kleines Männlein mit einer roten Mütze auf dem Kopf. “Na endlich”, sagt es, als Dom Sebastião sich zu bewegen anfängt – “und Entschuldigung soll ich ausrichten. Die Hexe hat sich in der Tür vertan.”
Es verneigt sich und ist im gleichen Augenblick verschwunden.

Der junge König liegt keuchend auf dem Marmorfußboden. Was war das jetzt gerade? versucht er zu resümieren, aber sein logisches Denkvermögen rutscht ihm immer wieder weg. Er rappelt sich auf. Besteigt seinen Thron…knibbelt verwirrt noch ein bisschen….

Dies sind Momente im Leben eines Regenten, die nicht in den Geschichtsbüchern zu finden sind.