Monatsarchiv für March 2009

Inspiration

NaDenn 31. March 2009

Leser! – Ich bin betrunken – bzw. wenn ich noch dieses Glas leere und das nächste halbe hab ich die Flasche geschafft. Ich bin so glücklich – und so müde. Nur wenn das zusammenkommt, trinke ich.

Ein Jahr nun habe ich in einem Einzimmerhaus gewohnt, immerhin mit Empore, auf der ich aber nicht stehen konnte, dh ich musste gebückt ins Bett kriechen und mir morgens gebückt die Kleidung für den Tag raussuchen -  es gibt natürlich schlimmeres. Es gibt diese japanischen Einbettkombüsen, in denen man nur liegen kann.

Und nun habe ich ein Haus mit zwei Schlafzimmern, einer Sala, einer Küche und einem Badezimmer und einem kleinen Quintal! Sala nennt man auf Portugiesisch das Wohnzimmer. Es ist wie alle Innenräume in dieser Gegend durchgefliest, insofern tut man sich schwer mit der Gemütlichkeit, aber diesen Begriff kennen ja auch nur wir Deutschen.

Und obwohl sie keine Deutschen sind, muss ich, was das gemütliche Sitzen betrifft, und ungeachtet der Tatsache, dass sie dieses Wort nicht haben – die Portugiesen loben: die haben Sessel, in denen versinkt und verträumt man augenblicklich! So einer steht nämlich hier – als einziges Möbelstück in einer ansonsten unmöbilierten Wohnung: ein Monstrum. Selbst wenn ich es nicht haben wollte, ginge es nicht durch die Tür.

…Nun bin ich nicht mehr betrunken, es ist zwei Tage später und ich hab mich schon eingelebt, wenn auch nicht eingerichtet, aber mein Schreibtisch steht, ich habe so etwas wie ein Bett, ich kann mir Teewasser heiß machen, das Internet tuts, wenn auch FÜRCHTERLICH langsam, ich kann also bloggen – was will ich mehr? Gute Wünsche vielleicht. Es wäre schön, wenn mir jeder Leser etwas Gutes zum Einzug wünschen würde.

Es stehen zur Auswahl: Disziplin und/oder Inspiration.

Sportcenter Burgau, Impression

NaDenn 22. March 2009

Der Poolfritze hat so ein Ding mit Rollen abgelassen und damit fährt er nun den Unterwasserboden ab. Dabei hat er einen Stöpsel im Ohr und zwischendurch starrt er auf sein Mobiltelefon. Jemand scheint ihm dauernd Nachrichten zu senden “Hey Bob, ich tu die Zwiebeln nun rein”.

Bob hat welliges Haar und rote Haare auf den Armen. Entweder sehen die männlichen Engländer aus wie Prinz Harry oder sein Bruder oder alternativ wie Zehnjährige, die aus Versehen älter geworden sind. Entweder treiben sie exzessiv Sport oder sitzen schlapp mit ihren dicken Frauen in der Sonne herum, immer tätowiert, immer in Sandalen, immer in Shorts.

Bob hat eine neue Message reinbekommen. Ah – jetzt begreife ich, er lauscht nicht irgendeinem ohrenbetäubenden MP3-Beat aus seiner Hosentasche, sondern er telefoniert! Er steht am Poolrand und unterhält sich mit seiner Süßen, die zu Hause das Gemüse zerkocht. Überall auf der Welt stehen seit einiger Zeit Menschen herum, die sich mit sich selbst bestens zu unterhalten scheinen. Bob reinigt nun den inneren Rand.

Wieder eine Nachricht “Sorry sweety, wir müssen doch essen gehen”. Bob hat ein verbranntes Gesicht und trägt eine sehr dunkle Sonnenbrille…

Drei Ukrainer bauen einen Pool

NaDenn 8. March 2009

Wenn man hier in der Algarve ganz flott und sehr billig etwas bauen will, ruft man die Ukrainer an. Die sind untersetzt, muskulös, hart im Nehmen, wetterresistent und trinkfest – alles Eigenschaften, die für Schuftereien im Regen, bei Sturm oder unter sengender Sonne von Vorteil sind.

Sie tragen farbbekleckerte Jeans, zerrissene Parka und die meisten eine Schildkappe auf dem zerzausten, stumpfen Haar. Zu Hause waren sie Ärzte, Bildende Künstler oder Philosophieprofessoren, in der Fremde ziehen sie Mauern hoch, verlegen Mosaike oder heben Gruben aus. Ich schreibe Geschichten, aber würde man von mir verlangen, in der Ukraine ein Schwimmbecken zu fliesen stünde ich ziemlich blöde da.

Der Pool ist aus Plastik und wird auf meiner ehemaligen Terasse aufgestellt. Man muss Stangen in Laschen und Schlaufen hineinschieben, etwas hakt immer, der irische Hausbesitzer flucht und ächzt, die Akademiker bewahren die Ruhe. Endlich steht das Ding; nun muss noch eine Mauer drum herum gebaut werden, später sollen deutsche oder spanische oder französische Feriengäste auf deren schmalen Grad in der Sonne dösen. Der Zement in den Fugen beinhaltet Träume von weit entfernten Landschaften, Taigas und Mädchen mit roten Bommeln auf den Hüten, jedenfalls ist es das, was ich mit den Weiten des Ostens verbinde – und bunte Tücher, unter denen alte Mütterchen halb verschwinden, nur ein paar tiefe Falten und zwei Eckzähne ragen noch raus.

Der Philosoph mischt den Zement, der Halsnasenohrenarzt setzt Stein auf Stein in einem irren Tempo, er weiß aus Erfahrung, was der stete Wind mit den Nebenhöhlen anrichten kann, dann höre ich Musik und ein Auto hält direkt vor meiner Tür. Ein Männlein so breit wie hoch arbeitet sich hinter dem Fahrersitz hervor, streckt sich, reißt sich das Hemd vom Leib, puh! was für ‘ne Hitze, dabei sind es heute noch nicht einmal acht Grad. Sein Unterhemd ist die amerikanische Flagge, alle fünfzig Staatensterne sind vorn auf seinem Bauch zu sehen, kurzes Hallo – Freischneider aus dem Kofferraum gehieft, umgeschnallt – und der Spezialist für aquarellierte Landschaftssujets rückt dem verwilderten Rasen neben dem Grundstück zu Leibe. Vorher aber dreht er noch schnell die Anlage im Auto auf volle Lautstärke auf.

Und so hören wir in einem portugiesischen Dorf nahe der Steilküste nicht nur Hundegeheul, Zementmischen, Nachbarngeschwätz, Betrunkenengegröhle, Spachtelkratzen, Kindergeschrei – sondern auch den großen RICHARD CLAYDERMAN das Piano streicheln: weichgezeichneter Vormittag, sanfte Fugen, flauschiger Klangteppich – und dazwischen die Motorsense krrrrrrrrrrrr brrrrrrrrummm!

Ort der Freude

NaDenn 3. March 2009

“Praça de Alegria” ist eine allmorgentliche Sendung im Portugiesischen Fernsehen. Sowas gibts ja seit Jahren überall auf der Welt: Flotte Moderatoren geben Kochtipps, stellen neue Bücher vor, unterhalten sich mit Personen des öffentlichen Lebens, dazwischen gibts Tuschs und kleine Trommelwirbel von der Studiocombo – am Rand aufgereiht sitzen die Zuschauer brav auf ihren Plätzen und versuchen ihre allerbesten Gesichter  aufzusetzen, falls doch einmal die Kamera rüberschwenkt.

Ich hab ja keinen Fernseher, aber das macht hier nichts, weil ja unten in der “Casa de Pastos de Rodrigues” die Breitbandkiste Tag und Nacht läuft, wie in jeder Bar und in jedem Restaurant. Ich geh rein und bestell meinen Frühstücksbica und fröhliche, alte Leute in Kung Fu Anzügen lernen auf dem Bildschirm, wie man sich selbstverteidigt.

Die Alten heißen hier “Idosos” – und ich habe lange gebraucht, mich an das Wort zu gewöhnen, weil es eben ganz anders klingt und deshalb auch etwas ganz anderes mitschwingt als bei der deutschen Bezeichnung für betagte Zeitgenossen. Wir haben: die Alten – aber das sagt man nicht mehr. Also sagen wir: die Älteren – aber das hören sie auch nicht gerne. Dann gibt´s noch: Senioren – Seniorentreff, Seniorentanz, Seniorenheim, Seniorenkaffeeklatsch. Doch das hört sich so schwer an, finde ich. “Senioooren”: steife, unbewegliche, depressive Gestalten, die graue Straßen entlangschlurfen.

Dagegen “Idosos” mit i – das klingt doch noch nach was! Die bewegen sich noch, die hebeln sich lachend und mit offensichtlich großem Spaß an der Sache in der Mitte des “Platzes des Vergnügens” die Arme aus, dazu schmettern die Trompeten und das Publikum klatscht. Die amüsieren sich prächtig, auch wenn ihnen vorn die Zähne fehlen und sie nicht hinten in der Maske noch schnell provisorisch welche eingeklebt gekriegt haben.

Und hoch das Bein und gleichzeitig die Faust nach vorne geschnellt, die Kamera kann grad noch ausweichen, einige Zuschauer auf den erhöhten Plätzen im Hintergrund sind aufgestanden und machen die Übungen ins Luftleere mit. Und wenn er dürfte, würde nun auch Sr. Rodriguez aus der Hüfte treten, aber da trifft ihn schon ein warnender Blick seiner Frau und so macht er sich hurtig an die Reinigung der Glasvitrine.

Das letzte mal, als ich die Sendung sah, gab es Businessgymnastik. Offensichtlich fand grad irgendwo in der Nähe des Studios eine Messe statt, jedenfalls hatte man die Anzugträger und bepumpsten Damen alle herbeigschafft und sie dehnten ihre Oberschenkel auf Anweisung eines enthusiastischen Animateurs und schwitzten wie die Tiere dabei. Aber sie machten alle mit – das war mal was anderes als die ewig gleichen Mittagessen in den Restaurants der Umgebung: Suppe, Fleisch, Pommes, Nachtisch, einen Kaffee, einen Marcieiro, eine Zigarette. Sie trafen nicht den Takt, sie prusteten schon nach drei Mal Arme heben, sie hatten knallrote Köpfe und einer fasste sich kurz röchelnd ans Herz.

Aber die Freude war echt, und deshalb liebe ich dieses Land inzwischen. Auch hier ist nicht alles toll und jeden Tag verlieren 30 Portugiesen ihren Arbeitsplatz, das ist furchtbar viel auf so einem kleinen Fleckchen Erde, aber  so ist manchmal das Leben – und wenn gleich alle bei den Liegestützen zusammenbrechen, hat man wenigstens am Morgen schon mal herzhaft gelacht.