Monatsarchiv für April 2009

Tannenzapf

NaDenn 29. April 2009

Diesmal läuft im Sportcenter mal nicht der Golferkanal, sondern wir hören music im großen Saal mit der Bar links, wenn man reinkommt, und ein rothaariger, sportlicher Kerl sortiert den Inhalt der Kühltruhe neben sich auf die Theke, ein vor Kälte dampfendes Bier nach dem anderen, wahrscheinlich kalkuliert er: draußen auf dem Tenniscourt gibts einen Herrendoppel, das macht vier mal mindestens acht gleich 32 Viertelliterdosen, da muss man mit etwas Rosé verlängern, leider ist nur knapp die Hälfte da…

Ich stecke mich nun mit meinem Laptop überall ins Stromnetz ein, wo sich die Gelegenheit bietet (denn meine Batterie ist nicht die allerbeste, weshalb ich nicht am Strand arbeiten kann), um wenigstens kabellos ins Internet zu gelangen, denn ich habe noch immer kein DSL. “Innerhalb der nächsten 7 Tage haben Sie die Festleitung” hat mir die äußerst nette Angestellte bei TMN in Lagos versichert und ich dachte noch, toller Service UND freundliche Bedienung, aber wahrscheinlich war sie nur so zuvorkommend, weil sie damals schon wusste, dass sie das noch nie in der ganzen Firmengeschichte geschafft haben und ich mich auf viele, viele online-lose Wochen einstellen kann.

Ich bin ja umgezogen, wie aufmerksame Leser wissen, und seitdem off. Also häkel ich abends wieder oder lese ein Buch oder bastel gar – das habe ich seit 30 Jahren nicht mehr getan. Engerer Verwandte dürfen sich daher zu Pfingsten auf Blumenkränze und zu Weihnachten auf selbstgefertigte Weihnachtsmänner aus Toilettenrollen freuen. Ich verrate das schonmal, weil mir nun das Material ausgegangen ist. Bitte sammeln: leere Küchenrollen, Pfeifenreiniger, rote Stoffreste, ungesponnene, ungefärbte Naturwollreste, Nadelbaumzapfen aller Art.

Ich finde, dass die Musikvideos einfallsloser werden, bzw. überlege ich mir gerade, ob Sängerinnen oder Sänger, die NICHT gut aussehen, überhaupt Gebrauch von ihren Stimmbändern machen dürfen. Oder ob sie nur für die Choreinlagen backstage zuständig sind – hinter schwarzen Tüchern, falls doch mal aus Versehen ein Scheinwerfer auf sie fällt.

Sportcenter Burgau, Impression 2

NaDenn 15. April 2009

Dies ist hier sehr nach englischem Geschmack, eine Anlage im Grünen: Tenniscourt, Pool, Sonnenterasse, Squash-Hallen, an der Theke gibts Burger und Chips. Sonntags morgens diverse Ballspiele für rothaarige, enthusiastische Jungs mit knallroten Köpfen, die Mütter mit ihren Babys giggelnd im Nichtschatten, das Meer in Sichtweite, wären nicht grad ein paar Hügel davor.

Deutsch hört sich im Vergleich an wie Geplapper. Englisch ist eher wie ein Pudding oder wie einer dieser Alpträume, in denen man sich durch eine Luft kämpfen muss, die plötzlich ganz schwer und dick geworden ist. Mein Englisch hat sich zwar hier stark verbessert, aber nie werde ich so denken können wie diese verbrannten Geschöpfe, die sich selbst dann noch sonnen, wenn die obersten Hautschichten krustig geworden sind. Dazu müsste ich mit der Sprache weich federn, weit ausholen, schwer aufsetzen, aber nicht hart.

Sie sind versessen auf Sport, nicht weil er gesund ist, den Eindruck machen sie nicht, dass ihnen das wichtig wäre – zumindest würden sie dann gelegentlich auch einen Salat zu den Burgern bestellen – sondern weil sie dann weiße Söckchen tragen können, weiße Tennisschuhe, weiße Polos unter denen die weißen Sport-BHs blitzen. Und die Männer: weiße Kniestrümpfe, cremefarbene, sehr kurze Shorts über hellbehaarten Oberschenkeln, in denen man auch Ausstellungen besuchen und einkaufen gehen kann.

Und sie sind höflich. Wie sie sich freuen, wenn sie mir zufällig auf der Straße begegnen! Selbst meine eigene Mutter hat mich nie so herzlich begrüßt. “VERA! – Ist alles in Ordnung? Du siehst phantastisch aus! Wie geht es dir???”
“Tja, leider sehr schlecht. Ich kriege zehn Zähne gezogen, meine Küche ist abgebrannt, ich habe aus Versehen alle Daten auf meinem Computer gelöscht und keine Sicherungskopie… ”
Ach wirklich? Das ist ja interessant…oh, da ist Bob. – Hi Bob! I’s me! Hello!!! Wie geht es dir? Warst du in Urlaub? Du siehst phantastisch aus …!”

Sie meinen es nicht böse, aber wir missverstehen sie. Und sie missverstehen uns. Sie finden es hier auch warm, obwohl es seit drei Tagen furchtbar regnet und ziemlich kalt geworden ist. Gestern am Strand sah ich nackte, blaugefrorene Kinder jubelnd durch die Brandung hüpfen – während ihre Eltern Ball spielten und zwischendurch in etwas Fettiges bissen.

Manchmal denke ich mir, wie das alles wirken muss – nicht nur die Engländer, auch die Deutschen und die Niederländer und die Franzosen und die Aussteiger, die wanderlustigen Studienrätinnen und die nordeuropäischen Rentner in ihren Wohnmobilen – ein bunter Trupp, der an den Bushaltestellen vorüberzieht, in denen die alten Algarvios mit ihren knorpeligen Stöcken bewegungslos sitzen – bis zu Hause das Mittagessen fertig ist.

Kunst und andere Gestalten

NaDenn 10. April 2009

Freundliche Vögel stehen beisammen auf dünnen, geraden Beinen und unterhalten sich, sehr leise, denn es gibt auch noch einen komischen Mann mit einer Art Halskrause im Gesicht. Der scheint aufzupassen, aber er hat keine Ohren,  schweigsame Gestalten insgesamt, dieser Haufen – alle aus Stein.

Daneben an der Wand Fotos von Leuten in einer Bushaltestelle, typisch portugiesisch, schmucklos: eine harte Steinbank und gerade mal ein Dach gegen Sonne und Wind. Mal nimmt grad eine Familie Platz, mal gibt’s einzelne Wanderer, mal ist niemand zu sehen. Das Mittel der Serie, die Zeit sichtbar macht, Zufälle protokolliert und Gegenwart erklärt.

Unten im blauen Pool treiben pinke Gummibälle, manchmal in ihren Bahnen sanft gebremst von unter der Wasseroberfläche träge einher torkelnden schwarzen Ballons, die je nach Gewicht mehr oben oder näher dem Boden taumeln. Die meisten von ihnen versammeln sich um eine enge Verwandte, einen großen silbernen Unterwasserball, der Geschichten erzählt: “Könnt ihr euch noch erinnern, Kinder … damals, als wir noch nicht Kunst waren und noch mit Luft gefüllt…”

Die Villa, in der die Ausstellung stattfindet, steht zum Verkauf, wie eigentlich alle umliegenden, neu erbauten Villen in dieser Gegend hier, hoch über dem Praia do Porto de Mós. “Open House” ist der Titel der Schau, fünf regionale KünstlerInnen sind daran beteiligt – António Alonso, Christina Kuhn Cruzes, Jorge Pereira, Teresa Dias Coelho und Vera Faria Gonçalves.

Da wir in Portugal sind und nicht in Düsseldorf ist pünktlich zur Eröfffnung auch nur eine Künstlerin anwesend. Aber der Poolkünstler kommt schnell herbeigeeilt mit einem gerade fertiggestellten Exponat unter dem Arm – auch gibt es noch keine Namensschildchen neben den Werken und die Preise sind noch nicht angeklebt.
Allerdings macht das nichts – ich finde vielmehr, dass die Namen oft irritieren. Wenn man die Künstler nicht kennt, sind sie ohnehin nur Zierde, aber man fühlt sich gezwungen, sie zu lesen, genauso wie den Preis, den man sich oft noch weniger erklären kann.

So sieht man sich als nächstes eine kniehohe Pappröhre an. Sie hat Beine und einen Hut auf und ein Gesicht angemalt und steht am Rande von einem Sockel – und man guckt gerade deshalb hin, weil sie nicht in der Mitte steht. Erst sagt sie guten Tag, dann verweist sie auf die Waschbretter, die an der Wand lehnen und bunt angemalt sind.

Das macht nicht viel Sinn, finde ich, ist aber egal, weil es Spaß macht. Vielleicht macht es auch einen ernsteren Sinn, aber der Künstler ist eben noch nicht da, um es zu erklären; vielleicht erinnern ihn die Waschbretter an etwas: Kindheit, Karneval, Vergangenheit, Zukunft, Leben, Liebe, Sterben….Ich will immer alles erklärt haben, und deshalb ist es manchmal nur gut, wenn die Künstler zu spät zu ihren Exponaten kommen. Dann bin ich gezwungen, sie undefiniert auf mich einwirken zu lassen, dann leg ich mich in einem der oberen Räume auf den Wildtierimitatteppich (ist das nicht ein tolles Wort?) und lasse das Telefon über mir bimmeln…und seh mir Maria an, die nur echt aussieht, aber in Wirklichkeit Bild ist und gesprüht, mit der Kalaschnikov in der Hand.