Monatsarchiv für July 2009

Medico

NaDenn 27. July 2009

Der Spezialist für die Krankheiten der Wirbelsäule sieht aus wie ein Habicht. Alles in seinem Gesicht läuft spitz zur Mitte hin zu. Stirn, Augenwülste und Nase nach unten – Kinn, Unter- und Oberlippe nach oben. Auf dem Kopf hat er ein paar struppige schwarze Haare, die hinten im Nacken auffallend speckig enden, was daher rührt, dass er sie – offenbar fördert das seine Konzentration – mit der Außenkante seiner linken Hand ausdauernd knetet, während er die am Lichtkasten befestigten Röntgenaufnahmen betrachtet

Er schweigt minutenlang und bittet dann meine betagte Freundin, die sich auf Grund ihrer Rückenbeschwerden kaum rühren kann, sich mit dem Bauch nach unten auf die schmale Untersuchungsliege zu legen, die in dem engen Raum an der Wand in einer Ecke steht. Das dauert etwas, aber da es ja nicht sein Schmerz ist, sieht er ungerührt zu. Als sie endlich soweit ist, tritt er heran, schiebt ein paar Kleidungsschichten beiseite und lässt sich an den Stellen, an denen er die Ursache der Beschwerden vermutet, mit seinem ganzen Gewicht und vorgestreckten Fingerspitzen nach vorn fallen. Margot schreit wie am Spieß – aha da ist der inflamierte Herd!

Er geht zurück hinter seinen Schreibtisch und wartet lächelnd, bis sich seine Patientin wieder aufgerappelt hat. Also: es ist zwar akut, aber an einer Stelle, die leider altersbedingt schon verschlissen ist. Da kann man nur eines machen: den Schmerzkreislauf unterbrechen und das Beste hoffen – entweder mit Pillen, die den Magen ruinieren oder mit einem Cortison-Cocktail direkt ins Mark. – Ob er uns das alles in Englisch aufschreiben kann? fragen wir. Margot hat nämlich viele Ärzte in der Familie – und wenns geht in einer lesbaren Schrift.

Es ist ein ziemliches Gekrakel – ich kann es grad noch entziffern, aber Margot tut sich schwer und so zückt sie einen Kugelschreiber und schreibt mit eigener Hand die Übersetzungen drüber, während Dr. Santos laut repetieren muss, was er da zusammengeschmiert hat. – Eine degradierende Schülerrolle, die ihm nicht sehr gut zu gefallen  scheint: seine Haare im Nacken haben sich aufgerichtet und seine Raubvogelaugen fallen ihm gleich aus dem Kopf. Doch wäre Elias Felipe Emanuel Coelho de Santos kein Portugiese, wenn er sich nicht beherrschen könnte. Lächeln ist die Übung, unverbindliche Herzlichkeit die Kür. Plötzlich muss ich lachen, es platzt so raus und ist für Dr. Habicht mal wieder ein gutes Beispiel dafür, dass die Estrangeiros keinerlei Respekt vor der studierten Obrigkeit haben – endlich ist Margot fertig und wir können gehn.

Dr. Santos nickt zum Abschied freundlich, aber als er die Tür hinter uns schließt, kann er sich nicht mehr beherrschen und tobt minutenlang cholerisch flügelschlagend durchs Sprechzimmer. Krrrääääh!  Krrrääääh! Krrrääääääääh! – bevor er sich schließlich erschöpft auf seinem ‘cadeira executivo’* zu einem ausführlichen Wurm-Imbiss niederlässt.

*Chefsessel

Rogil II

NaDenn 20. July 2009

On the road again: manchmal hör ich beim Gehen nur das Schlappen meiner Flip-Flops, sonst nichts. Der Verkehr um diese Tageszeit erfolgt stoßweise. Mal vier bis fünf Autos hintereinander, dann wieder einige Minuten nichts. Der Wind weht und zerwühlt die Gräser. Überall schüttere Zystrosenbüsche, die vom weiten harzig glänzen. Junge Pinien – hie und da der hoch aufragende Blütenstamm einer Agave – gelegentlich Zedern.

Die große Bauruine am Ortseingang erinnert aus der anderen Richtung kommend an ein Walgerippe. Die Gräten sind durcheinander geraten und teils gebrochen – große Fische sind nicht dafür geschaffen, ihr Leben in Staubwüsten zu beschließen.

Ein Sondertransporter. Irgendein undefinierbares Mähgerät, vorne und hinten von blinkenden Eskortfahrzeugen begleitet.

Ein verlassenes, überwuchertes Fußballfeld rechts, dessen Tornetze der Wind zerfetzt.

Wolkenschatten, die großflächig die Straße überqueren.

Und da vorne der Friedhof. Ein weißes Marmorfeld, durchsetzt von einigen schwarzen Granitgräbern unter blauem Himmel, übersäht mit den farbigsten Blumensträußen – unechte Blumen, da ist der Portugiese pragmatisch, behalten ihre Form selbst im heftigsten Küstensturm – und steinerne Gräber muss man nicht pflegen. Die Kapelle, in der auch die Toten aufgebahrt werden, hat ein langes, tiefgezogenes Dach, das Kreuz an der Seite nur aufgemalt und an der Südseite ein einziges Fenster.

(Agostino Antonio)
„Eterna saudade de sua esposa, filhos, noras e netos.“

(Querida Irmã)
“Com muita dor te recordo sempre, e por mim nunca és esquecida“

(Felipa Américo de Jesus)
„Uma lágrima uma flor
é só que te posso dar
até que a minha alma
à tua se vá juntar.“

(Siggi, Feb. 2005)
„Nur die besten sterben jung.“

Es gibt auch Gräber ohne Namen, die sich nur durch ein verwittertes Blechschild mit einer Nummer drauf, voneinander unterscheiden.

Ich geh wieder – aus dem Friedhofstor hinaus, die Landstraße entlang. Links ein verlassener Hof mit einem verrotteten Trecker davor. Dahinter ein lackstumpfer, roter Renault ohne Räder, meckernde Hühnervögel, wucherndes Grün. Auf der Wiese ein Storchennest auf einem Stromüberlandpfosten.

Papa Storch steht am Rande der unordentlichen Behausung und blickt über die Ebene. Dabei kräht er ein bisschen. Als ich hochsehe, erhebt er sich flügelschwingend, legt sich in den Wind und segelt über die Straße auf den sandigen Stoppelacker gegenüber. Dort stelzt er herum, guckt auf die vorbeirasenden Autos – nun aus der Bodenperspektive – fliegt flach ein bisschen weiter, dahin, wo es grüner wird. Steht dumm da. Ich glaube, er wartet nur darauf, dass ich weitergehe, meine Anwesenheit ist ihm nicht geheuer.

Aber ich bleibe noch und setz mich an den Straßenrand, und schreib alles auf.

Rogil I

NaDenn 17. July 2009

Rogil erstreckt sich ganz flach links und rechts der Hauptstraße, die es durchschneidet. Kommt man vom Süden her, empfangen einen die Gerippe von im Bau gestoppter Häuser – die stehen schon ewig hier und verfallen jedes Jahr mehr.

Ich sitz im Café, hinter mir, aber noch einige Kilometer entfernt, die Küste. Ich guck in die andere Richtung aufs Monchiquegebirge, dessen Ausläufer dunkelgrau, mittelgrau, die am weitest entfernten blassgrau, fast wolkig und transparent erscheinen.

Die Straßenfegerin trägt eine neongelbe Weste und fegt mit Besen und Kehrschaufel die Bordsteinkanten vom Staub der Straße und verwehtem Meersand frei. Den Inhalt der Kehrschaufel kippt sie dann jeweils hinter sich auf den Rasenstreifen, wobei der Wind die Hälfte gleich wieder auf die Straße weht. Ein Großlaster nach dem anderen brummt vorbei und stößt seine Abgase in die Luft, die ich, im Café auf gleicher Höhe sitzend, sogleich inhaliere.

Wagenladungen braungebrannter Straßenarbeiter in Ripphemden und Baseball-Kappen; ein alter, tattriger Mann, dessen Hemdzipfel um seinen dicken Bauch herum hüpfen.

Es ist, als bestünde die Aktivität dieses Ortes darin, dass seine Bewohner seine Hauptverkehrsader auf und nieder fahren, langsam, telefonierend oder schneller, in Geschäfte verwickelt, die sie direkt am Mobil erledigen, obwohl das während der Fahrt verboten ist – bis es Abend wird. Dann parken sie ihre Autos links und rechts der Straße und verschwinden in ihren Häusern.

13 Uhr. Die LKW-Fahrer springen aus ihren Boxen: Mittagspause. Um diese Zeit des Tages sind die Straßenränder plötzlich voll von hintereinander aufgereihten Trucks. Um fünf vor eins ist alles noch frei. Um Punkt eins sieht man wieder hin – es geschieht merkwürdigerweise völlig lautlos – und lückenlos reiht sich Wagen an Wagen – man reibt sich die Augen und traut ihnen nicht.

Ich hab den Mercedes einer Freundin in Rogil in die Werkstatt gefahren – ein quittengelbes Monstrum, schon ziemlich eingedellt, aber er beschützt einen bei der gemächtlichen Fahrt. Es sagt: stör dich nicht an mich, guck dir die Gegend an: die hellbraune, sonnenversengte Hügellandschaft der Südwestalgarve, die nach Aljezur dann in eine winddurchzauste Ebene übergeht – ein flaches, staubiges Land, welches an der einen Seite einfach in den Atlantik fällt.

Auf dem Rückweg lauf ich ein Stück die Landstraße entlang, bis ich die Lust daran verlier, und streck dann den Daumen raus. Ich habe noch nie schlechte Erfahrungen beim Trampen gemacht. Die Portugiesen sind immer höflich, sehr nett und freuen sich über ein Gespräch.

Umfrage!

NaDenn 13. July 2009

Dies ist eine Umfrage an meine Leser – bitte alle beteiligen!

Es ist sehr wichtig: Finden Sie, dass ich negativ über das Land und die Portugiesen schreibe?

Das hat man mir vorgeworfen, letztens bei einer Lesung, die ich in Odeceixe in einem Strandrestaurant hatte. Lauter gediegene Leute, blond, gebräunt und in Boutiquenkleidung – nicht aufreizend, aber gutes Material. Alle sehr gebildet  – und ich total schlecht drauf, manchmal trifft ja alles zusammen – schon den ganzen Tag – das hatte jetzt nichts mit dem Publikum zu tun.

Wir waren zu zweit, Margit verlas Beschauliches und Versöhnliches mit Gemüt und Seele – dazwischen gab’s Fingerfood vom Feinsten – im Hintergrund lief die Kühlanlage und ab und an stürzte in der zum Restaurantteil offenen Küche ein zu hoch gestapeltes Geschirrteil klirrend in die Spüle ab.

Ich las: “Tia Maria” – die Episode vom kleinen Portugiesen, der seiner Mutter zu Gefallen auf Brautschau gehen muss. – Was ist daran negativ? – frage ich nun. Ich kann doch nichts dafür, dass der Portugiese klein ist und eine dicke Brille trägt und seine Mutter ihn mit ihren Mädchenträumen nicht in Ruhe lässt! Ich hätte gerne etwas Erfreulicheres über ihn geschrieben, allerdings dafür so weit gehen, dass ich mich ihm selber angeboten hätte, wollte ich nun doch wieder nicht. Ich werd ihn das nächste Mal zu einer Lesung mitbringen, vielleicht findet sich dort jemand.

Weiterhin: “Sobremesa”. Da konnte ich ja nun wirklich nichts zu, dass es dem Pudding so schlecht ging. Das war eine reine Beschreibung der Tatsachen. Seit wann ist eine Trauerrede für einen Vanillepudding negativ? Andere Puddings würden sich die Finger danach lecken, in ihren letzten Stunden soviel Beachtung zu finden!

“Porree” – die Geschichte über die Haferflocken und die beneidenswerte Eigenschaft der Portugiesen immer höflich und freundlich zu bleiben – auch wenn die neugierigen Touristen noch so viel über den Bestand des Sortiments wissen wollen. Bitte richtig lesen: es ist mir eine Enttäuschung, die ich in einem deutschen Supermarkt auf jeden Fall gehabt hätte – ERSPART geblieben!

Ich bitte Sie also, meine Blogleser, sich nun zu äußern. Kommt der Portugiese negativ weg? Oder ist das Leben eventuell wie es ist?

To-Do

NaDenn 6. July 2009

Ich lese ja nun viel über Portugal, und dabei stieß ich irgendwo auch auf diesen Satzfetzen: “…er reiste noch nach Marokko. Wenig später verloren sich dort seine Spuren.”

Ich weiß nicht mehr von welchem König oder welchem Prinz oder auch Anwärter, Feldherr, Entdecker dabei die Rede gewesen ist, aber diese letzten Worte habe ich mir gemerkt, weil darin ein ganzes Leben auf den Punkt gebracht ist. “Er wurde geboren, heiratete mit 21 bekam einen Orden in den Afrikafeldzügen, ging nach Marokko, wo sich seine Spuren in der Wüste verloren.”

Muss ich mich so ernst nehmen? frage ich mich seitdem. Wenn sich meine Spuren doch in ein paar Jahren in Lagos oder Düsseldorf oder Hanoi verlieren? Wenn ich meinen Ururenkeln nur noch eine schmale Erinnerung wert sein werde, aus dritter Hand – (”ja, eine meiner Vorfahrinnen war auch Schriftstellerin und lebte in einem Dorf an der Algarve.”)

Wir werden geboren, wurschteln vor uns hin, und sterben. Jemand macht Fotos, die sich drei Generationen später in einem großen, roten Schuhkarton wiederfinden. An einem Winterabend sitzt die ganze Familie zusammen und tut endlich das, was schon seit Jahren auf der To-Do Liste steht, aber wozu man bis jetzt nie die Zeit und die Muße gehabt hat: alte Fotos sortieren. “Wer ist das denn?” ruft Klein-Hannes prustend aus und zeigt auf eine große Frau mit einem Doppelkinn, geschwollenen Kniegelenken, hellgelben Shorts und einem rosa Plüschoberteil, die vor einer Ewiges-Eis-Fototapete inmitten einer Horde Papppinguinen steht.

Das bin/war ich kurz nach meinem 72sten Geburtstag. Meine Rente war recht mager ausgefallen und so verdiente ich mir mit allerlei Jobs noch etwas hinzu. Dies hier war eine der Probeaufnahmen für ein  Fotoshootings für ein neues Schoeller-Eis. Sie suchten eine große Frau, die einen ganz bestimmten Ausdruck im Gesicht haben sollte: hingebungsvoll, weise, vom Leben gezeichnet und trotzdem verzückt. Dieses besondere Flair war gerade “in”, besonders bei Damen meines Alters, aber ich konnte einfach nicht ernst bleiben – und so bekam ich den Job nicht.

Ach die…”, sagt Helena, die Enkelin der ersten Frau meines Sohnes, “ich glaub, das war eine Freundin der Mutter von meinem Vater – komisch, die Frau, ich meine mich zu erinnern, dass sie mit 9 Monaten vom Wickeltisch fiel, aber das durften wir nicht laut sagen – legs hier auf den Haufen, der kommt nachher weg.”