NaDenn 1. August 2009
Wahrscheinlich muss man klein, kompakt und wie in seine Haut gestopft aussehen, um dieserart Essen zu vertragen – denke ich kurz – da wird mir schon wieder nachgeschaufelt: Irgendetwas Geklumptes in Graugrün – und klatsch! noch einen Berg Mayonnaise oben drauf. Nun wird angestoßen: Sergei hält die Longdrinkgläser unter den Weinschlauch und füllt bis obenhin. “Saude!” – wir sind schließlich in Portugal – und tut einen sehr langen Schluck.
Jetzt gibts nochmal fettglänzende Hühnerbeine, die man nicht groß zerteilt, sondern fast in einem runterschluckt, nur die Knöchelchen flutschen am Ende wieder zwischen den Lippen raus. – Kohl mit Zwiebeln in Fett, Reis und Schwein mit einer öltriefenden Paprikaschote drumrum, Kartoffeln mit ein paar Fusseln Petersilie und Schmalz. Ah! Nicht zu fassen: da vorn ein Grüner Salat!
Im TV über dem Esstisch wird eine Gruppe Kriegsgefangener in diesem tristen, krisseligen Grau, das das Amateurfilmmaterial der damaligen Zeit nur hergab, eine Straße entlanggetrieben. Am Horizont schlagen Bomben ein, Stakkatobefehle gellen durch eine weit entfernte Vergangenheit. “Segunda guerra”, sagt Mascha und deutet mit der Gabel auf den Bildschirm – “mil noventa quarenta, muitos Russias morem de Hitler!”
Doch nun genug mit der Tristesa: es wird umgeschaltet auf etwas Farbiges: Soldaten in modischem Beige-khaki hocken in saftig grünen Gebüschen und zielen mit ihren glänzenden Gewehrmündungen auf Zivilisten in schreiend bunten Hawaihemden und Bluejeans. Also: der Typ mit der Kalaschnikov und den schönen Augen ist der Bruder der Frau, die wir in der Szene davor gesehen haben, die weinte, weil der Liebhaber ihrer…. Dies ist eine Serie im weißrussischen Fernsehen, die offenbar jeder kennt.
Meine Freundin kann nicht mehr auf dem harten Stuhl sitzen und darf sich aufs Bett legen, das praktischerweise direkt an den Esstisch angrenzt. Micha stellt ihr den Ventilator ganz dicht ran und schiebt ihr vier Kissen in den Rücken, sodass sie sich weiterhin an der Unterhaltung beteiligen kann. Es ist ein ziemliches Gewirre: der Brasilianer spricht zwar Portugiesisch, aber es klingt wie Holzhacken, die Ukrainer und wir beiden deutschen Gäste radebrechen ebenfalls auf Portugiesisch miteinander, unterbrechen aber immer wieder, um uns in schnell gesprochenen Mutterspracheinlagen der richtigen Vokabeln zu vergewissern. Danach haben wir meistens den Faden verloren und loben ausweichungshalber das Essen – worauf uns sofort erneut nachgelegt wird.
Als ich schon denke, dass ich mich gleich hier auf den Tisch übergeben werde und mir eben vorstelle, wie das wohl aufgefasst werden würde – es gibt Situationen, die kann man beim besten Willen nicht im Voraus einschätzen – kommt der Gastgeber mit dem Wasserkessel und jeder kriegt einen Instantkaffee, wobei mit jedem Gast über die genaue Gehäufte-Löffel-Anzahl einzeln verhandelt wird. Dazu gibts Schokoladenkuchen aus dem Megakühlschrank, auf dessen Rückenrippen man vom Bett aus einen hervorragenden Blick hat – genauso wie auf die wuchtige, dunkle, völlig vollgestopfte Schrankwand, wenn man reinkommt, links.
In diesem Mehrnationenhaus in Lagos’ lautester Einkaufs- und Ausgehstraße leben 6 weißrussische Parteien in jeweils einem Zimmer mit zwei Gemeinschaftsbädern und einer Küche. Da die Lage so zentral ist, sind die Wohnungen nicht billig und die Fliesen im Bad abgeschlagen, das Toilettenbecken undicht und die zwei Waschmaschinen im Flur auf der dritten Etage kaputt. Überall steht Nippes, ein ganzes Regalbrett voller Bergkristallfigürchen, Keramikkätzchen, Plastikhündchen mit rosa Halsschleifen, Fotos in blank polierten Falschgoldrahmen – und weiterhin Schachteln und Servietten und gestickte Bilder und Videokassetten und Bastblumen und Handschuhe und Porzellanclowns und Strümpfe und verzierte Holzschachteln und Briefe und Formloses in Plastiktüten, wo noch ein Eckchen frei ist – und alles ist mit Deckchen verziert. Auch in den Fernseher ragt von oben eine Blumenborte hinein.
Wir gehen wieder. Bedanken uns überschwenglich für das tolle tolle Essen – und kriegen als Wegzehrung jeder noch drei Gehacktesbällchen im Ölmantel mit. Ich wage gar nicht, genauer hinzusehen, verspreche aber, die Schüssel eines Tages zurückzubringen.
Allerdings werde ich einen Moment abpassen, in dem keiner der beiden wohlmeinenden Gastgeber zu Hause ist.