Monatsarchiv für September 2009

Malerei im Centro Cultural de Vila do Bispo

NaDenn 17. September 2009

Zé Ronaldo – diesen Namen sollte man sich merken, ist der Künstler, der vom 29.08. bis 13.9. im Centro Cultural de Vila do Bispo seine Ölgemälde ausgestellt hat. Leider sah ich sie erst am letzten Tag, weshalb es sich nicht mehr lohnte darüber zu bloggen und somit auf die Ausstellung hinzuweisen. Aber ich möchte sie im Nachhinein beschreiben, weil sie mir so gut gefiel – und vielleicht stellt Senhor Zé ja nochmal in der Gegend aus – und dann erinnern Sie sich vielleicht an ihn.

Herr Zé malt viel und wahrscheinlich täglich, ich stelle ihn mir klein und etwas korpulent vor mit wenig Haar, aber einem fülligen auf und ab wippenden Schnurrbart. Er ist jetzt pensioniert, was es ihm erlaubt  bereits morgens bei Sonnenaufgang mit seiner Staffelei an der Küste zu stehen, es ist noch recht kühl, er trägt eine dicke, reinwollende Strickjacke und dazu einen flachen, graubraunkarierten Boné (Flachkappe der Portugiesen mit kleinem Schild).

Erst liegt das Meer noch im Dunkeln, aber nach und nach wird es am Horizont immer heller, bis plötzlich der Sonnenball erscheint und es hellblau aufblitzen lässt. Ein Angler, der auch ganz früh aufgestanden ist, steht schon hoch oben auf den Klippen. Er sieht sehr lebendig aus, nicht so eine steife, regungslose Gestalt, die man eben mit ein paar Geraden andeuten könnte, sondern scheint mitten in seiner Bewegung nach dem Ruteauswerfen eingefangen – und ist ungefähr 4 Meter groß.

Denn mit der Perspektive hat Senhor Ronaldo es nicht so. Aber das bemerkt nur ein guter Beobachter, oder eine, die selber zeichnen gelernt hat, aber nun nur noch an anderen herumkrittelt – wie ich.
Es sind in der Hauptsache Perspektivverschiebungen. Das Auge erwartet andere Größenunterschiede, aber wird jäh darin ausgebremst: die in ihrer modernen Kleidung und merkwürdig eindimensionalen Knien sehr präsente Hühnerfütterin im Vordergrund vor dem halbverfallenen, flachen Gebäude im Geflügelhof ist eine Hünin. Hinter ihr, kaum dass sie aus dem Dunkel des Stalls hervortreten, Zwergenvater und -bruder. Sie sind sehr stolz: nie zuvor hat es in ihrer Familie solch ein gesundes, riesiges Wesen gegeben. Ihre ganze Liebe hängt an dieser kraftstrotzenden, jungen Frau. Auch die Kühe auf der Weide in ihrem Rahmen an der Wand links sind beeindruckt. Gleichzeitig aber scheint es ihnen nicht recht, dass sie hier abgebildet werden.  “Wehe, du fotografierst auch noch!” sagt ihr Blick.

Es gibt eine Reihe von Bildern, die ein altes, wenngleich noch bewirtschaftetes Bauerngehöft inmitten der sommerlich kargen, flachen Landschaft der Küste zeigen. Drei Pferde auf der Weide – auch sie warnend den Maler auf Distanz haltend. Und noch ein Tier: eine Ziege auf einem Felsstück “um cabrito sobre as rochas” – das Portrait kam ihr zu überraschend, keine Zeit mehr, sich eben zu Hause zurecht zu machen, weshalb auch sie nicht eben entspannt lächelt.

Und immer wieder der Rot-Ton der Abendsonne über der Landschaft, das Licht des Südens, das die Konturen der Dinge auf so eine andersartige Weise hervortreten lässt. Hier ein Liebespaar auf einer Blumenwiese vor blauer, untergehender Kulisse: Sie trägt den traditionellen Blumenhaarkranz, allerdings ist er ihr unters Kinn gerutscht, dazu eine bluschige Bluse und darüber eine Stola, die ihren irgendwie missratenen Leib nur unzureichend kaschiert. Ihr Galan ist alterslos – ein glattes Gesicht, das an den jungen Michael Jackson erinnert, dagegen ist sein Unterarm, der im Gewurschtel des Oberkörpers seiner Geliebten verschwindet, erstaunlich kräftig und behaart. Sie stehen auf einem herzförmigen Stein, sie begehren sich, aber können – so ein Mist – nicht zueinander finden: ihr ausgestreckter Arm lässt sich nicht beugen und der Kranz, der ihr gleichzeitig Kinn und Hals ersetzt, ist auf jedem Fall im Weg!

Zuletzt noch “As banhistas” – die Badenden, ein klassisches Sujet. Im Hintergrund an den ans Ufer schwappenden Wellenausläufern eine schöne Nackte in der Rückenansicht; vorn, mit Blick auf den Betrachter dann das Main-Couple: Sie rafft über dem Kopf ihren Haarbusch zusammen, der etwas vom Skalp verrutscht zu sein scheint, ansonsten aber ist an ihr nichts auszusetzen: die “Geburt der Venus” von Botticelli in einer erstaunlich guten Kopie. Aber ihr Begleiter ist klasse. (Und deshalb liebe ich solche Laien-Bilder wirklich. Sie sind so unbekümmert. Hier hat jemand wirklich Freude am Malen, und er malt so, wie er kann, und am Ende hat er ausgedrückt was ihm auf dem Herzen lag, und dann hat ihn auch noch Filomena vom Kulturzentrum gefragt, ob er das alles mal ausstellen will.)

Der Freund der Venus, keusch mit einem Badetuch über die entscheidenden Stellen des haarlosen Körpers drapiert, ist ein etwas geschöntes Portrait von Miguél, dem dreiundzwanzigjährigen Sohn des Apothekers, der in Faro Sprachen studiert, und eines Sonntag Morgens für Zé gesessen hat: etwas scheu unter der Baseballkappe – und mit I-Pod Stöpseln im Ohr.

Tritop und die Siebziger – Erinnerungen, Sagres

NaDenn 9. September 2009

Da gehen wir einher mit unseren Söhnen. Der Sohn des Bruders meines Vaters, mein Sohn und ich. Wir stolpern über den felsigen Untergrund des Klippenplateaus, das das Kap bildet. Hier ist Europa zu Ende, der Wind bläst um die Ecke und fährt durch unser Haar, bzw. über die beginnende Glatze meines Vetters, den ich das letzte Mal sah, als seine Locken ihm noch in die Augen fielen und noch kein Grau zu sehen war. Jetzt sieht er langsam seinem Vater ähnlich, und gleichzeitig hat er die typischen Züge der Henkelphysiognomie, die wahrscheinlich auch in meinem Gesicht zu sehen ist.

Nun sind wir schon älter als unsere Eltern damals auf dem Schwarzweißfoto, das ich habe von dem Tag, als wir einmal einen Ausflug zusammen gemacht haben. Unsere Mütter tragen altmodische, feste Tuchmäntel, mein Vater raucht Pfeife. Wir alle sitzen auf einer Bank im Grünen, bzw. im Grauen, der Wind zaust die Frisuren der Frauen, mein Vetter Martin und seine Brüder, sowie mein Bruder und ich sehen mit einem ungeduldigen Blick in die Kamera. Nicht zu begreifen, warum die Erwachsenen ständig Fotos von uns machen wollen, wo sie uns doch ohnehin jeden Tag sehen.

Das verstehen wir erst später. Die Erwachsenen machen Fotos, damit wir eines Tages erkennen können, dass unsere Eltern vor uns schon einmal das Leben gelebt haben, das wir heute führen. Sie haben sich mit ihren Brüdern, Schwestern, Cousins und Freunden getroffen und Urlaubspläne geschmiedet. Gerne wären sie mal an die Algarve geflogen, aber damals machte man das noch nicht, da blieb man in Deutschland und fuhr höchstens mal in die Schweiz.
Die Kinder sind um sie herumgesprungen und haben Steine, Stöcke und Wurzeln bei ihnen abgeladen. Man rastete irgendwo und packte die Butterbrote aus, wozu in jenen Tagen auch immer noch ein gekochtes Ei gehörte. Trocken, ohne alles. Es klebt im Hals und verschloss einem die Atemwege. Man musste schrecklich husten, bis einem irgendwer so lange auf den Rücken schlug, bis das Ei in Stücken, zusammen mit dem Rest vom Brot, wieder herausgeschossen kam. Irgendwie hatte man nie etwas zu trinken dabei. Es gab ja noch keine Tetrapacks, nur Tritop, aber das war zu teuer und Flaschen waren zu schwer und zerbrechlich.

Aber die Erwachsenen tranken mitgebrachten Kaffee aus Thermoskannen, bei denen der Deckel die Tasse war. Die Paare untereinander tranken aus einer, für die anderen wurde wieder neu eingefüllt. Erst musste man warten, bis der Kaffee etwas abgekühlt und einigermaßen trinkbar war, dann wurden die Schlucke genau gezählt, dass jeder dieselbe Anzahl, noch heiß, abbekam.
Im Gegensatz zu uns heute, kehrten wir damals fast nie irgendwo ein. Man aß seine Brote, trank seinen Kaffee, setze dann seinen Weg fort und kam wieder zu Hause an. Die Frauen verschwanden in der Küche, die Männer genehmigten sich einen Dujardem. Es gab erst etwas Süßes, dann Abendessen. Die Frauen lachten und  lästerten, die Männer tauschten sich über neueste politische Entwicklungen aus. Am Abend lud man die Kinder in den VW-Käfer und winkte beim Rücksetzen aus der Einfahrt, wobei es mir bereits anfing, schlecht zu werden, denn ich vertrug das Autofahren nicht.

Jahre später steige ich zu meinem Cousin in den Leihwagen, auf dessen Rückbank unsere Söhne ungeduldig zappeln: Wir fahren los und schon beginnt mein Sohn mit der Reiseübelkeit zu kämpfen. Ich rede ihm von meinem Beifahrersitz aus gut zu – aber ich weiß, nach spätestens einem Kilometer Fahrt werden wir anhalten  und die Plätze tauschen.

Sie haben sich mit ihren Brüdern, Schwestern, Cousins und Freunden getroffen und an einem Sonntag Nachmittag einen Ausflug gemacht; nicht ans Kap, aber in die Wälder rings herum. Die Kinder sind um sie herum gesprungen und haben Steine, Stöcke und Wurzeln bei ihnen abgeladen. Man rastete irgendwo und packte die Butterbrote aus, wozu in jenen Tagen auch immer noch in gekochtes Ei gehörte. Trocken, ohne alles. Es klebt im Hals und verschloss einem die Atemwege. Man musste schrecklich husten, bis einem irgendwer so lange auf den Rücken schlug, bis das Ei in Stücken, zusammen mit dem Rest vom Brot wieder herausgeschossen kam. Irgendwie hatte man nie etwas zu trinken dabei. Es gab ja noch keine Tetrapacks, nur Tritop, aber das war zu teuer und Flaschen waren zu schwer und zerbrechlich. – Aber die Erwachsenen tranken mitgebrachten Kaffee aus Thermoskannen, bei denen der Deckel die Tasse war. Die Paare untereinander tranken aus einer, für die anderen wurde wieder neu eingefüllt. Erst musste man warten, bis der Kaffee etwas abgekühlt und einigermaßen trinkbar war, dann wurden die Schlucke genau gezählt, dass jeder dieselbe Anzahl noch heiß, abbekam.

Im Gegensatz zu uns heute, kehrten wir damals fast nie irgendwo ein. Man aß seine Brote, trank seinen Kaffee, setze dann seinen Weg fort und kam wieder zu Hause an. Die Frauen verschwanden in der Küche, die Männer genehmigten sich einen Dujardem. Es gab erst etwas Süßes, dann Abendessen. Die Frauen lästerten in der Küche, die Männer tauschten sich über neueste politische Entwicklungen aus.

Am Abend lud man die Kinder in den VW-Käfer, man winkte beim Rücksetzen aus der Einfahrt, wobei es mir bereits anfing, schlecht zu werden.

Jahre später steige ich zu meinem Cousin in den Leihwagen, auf dessen Rückbank unsere Söhne ungeduldig zappeln: Wir fahren los – und schon beginnt mein Sohn mit der Reiseübelkeit zu kämpfen, und nach spätestens einem Kilometer Fahrt werden wir anhalten und die Plätze tauschen.