FlippFlopp
NaDenn 28. December 2009
Leser! – Ich bin mit Antonia, der zahnlosen, circa 60-jährigen Mutter meiner Nachbarin, unter der südlichen, schon um neun Uhr stechenden Algarve Sonne hinaus ins Industriegebiet nach Vila do Bispo zur ‘cooperativa’ gelaufen. Die hat nur morgens geöffnet, den Eingang versperren zwei unordentlich hingestellte Schubkarren, ein paar pralle Säcke mit Futtermitteln; ein riesiger brauner Hund mit freien Stellen im Pelz erhebt sich und tappt langsam davon.
Drinnen mehr Säcke bis zur Decke gestapelt, aufgewickelte Kordeln liegen rum, die man kaufen kann, obwohl es nicht so aussieht. Es ist kühl und dämmerig, und im hinteren Teil des Lagers muss man die Flaschen und Dosen und Tuben direkt vors Auge halten um lesen zu können, was es ist.
Wir kaufen ein blaues Ameisenvernichtungspulver von Bayer. Es ist wie alles Hoch-Toxische in einer verschließbaren Glasvitrine untergebracht. Antonia sagt: Não fa ma! Não fa ma! – das ist algarvianisch, ein ähnlich unverständliches Wortgewusel wie uns Nord- und Mitteldeutsche der Dialekt im Süden erscheint – und heißt: Não faz mal, also: das schadet überhaupt nichts, das heißt: es ist sozusagen gesund. Sie streut es in ihr Bett, direkt auf die Matratze seit Jahren, und es hält die Ameisen und die Flöhe fern. Aber sie hat auch keine Zähne mehr… ich überlege.
Später sitze ich im Marktcafé. Es ist richtig was los. Die Portugiesen treffen sich gerne morgens und nachmittags und abends zu einem kleinen Plausch. Man trinkt einen winzigen Kaffee, einen Bica – das ist der portugiesische Expresso und bedeutet „Spitze“.
ZZZckkk! – man gibt sich einen schnellen, kleinen Kick. Man reißt die Augen auf, man weilt wieder unter den Lebenden. Wovon war grad die Rede? Ah, vom jungen Alexandro – ja was für ein Kerl! Und so stark und so wie sein Vater (Mädels, könnt ihr euch erinnern?) in seiner Jugend war! Die Zeiten vergehen. É – (Kopfnicken), é verdade, é!
Die Männer bleiben länger sitzen, rauchen, trinkend, ein Weinchen, ein Cerveja, einen Martini auf Eis. Hier hocken auch sie plaudernd und dicht an dicht an kleinen Tischen. Die GNR* fährt in ihren grünen Pickups vorbei, Ellenbogen aus den Fenstern, grüßend; die Touristinnen, die in den schönen Ferienvillen wohnen flippfloppen mit rhytmisch tanzenden Busen und Beinen hinauf bis zum Po.
Hier trifft sich alles, und jeder kann sich in Ruhe seinem Dasein hingeben. Wer grad nichts zu sagen hat, schweigt genügsam und sieht sich die vor seinen inneren Augen vorbei ziehenden Bilder an. Matilda ist gestorben, je nun, sie war schon 80, ein neuer Neffe kam zur Welt – nun, das ist schön.
Nichts kann einen wirklich aufregen in diesen Dörfern entlang der Westküste der Algarve. Die Sonne ist zu heiß, der Wind weht zu stark, als dass sich etwas auf Dauer in den Gedanken niederlassen könnte. Wir zahlen, wir gehen nach Hause. Wir packen die Kühltasche. Wir laden drei Generationen Familie ins Auto. José fährt. Er hat gestern die Fahrprüfung bestanden, nun muss er üben – los geht’s.
* Guarda National Civil, Zivilpolizei
- Im Westen viel neues - Leben im Algarve
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