Portugiesische Geschichte(n)

Steine und Schweinebeine – portugiesische Rezepte

NaDenn 23. July 2010

Pombos guisados com ervilhas
Geschmorte Tauben mit Erbsen (ersatzweise Stubenküken!)

Cabidela de galinha caseira
Hühnerreis im eigenen Blut (wobei ich mich gar nicht erinnern kann, dass Reis blutet)

Sopa de Pedras
Steinsuppe.

Hierzu gibt es eine Legende:
Eines Tages klopfte ein Mönch an die Tür eines Reichen im Ribatejo und bat um etwas zu essen. Der geizige Großgrundbesitzer wollte aber keinen Hungerleider bewirten und daher die Tür gleich wieder schließen, doch der Mönch hatte seinen Fuß dazwischen. “Werter Herr”, sagte er, “erlaubt mir wenigstens an Eurem Herdfeuer mein eigenes, mageres Süppchen aus einem Stein zu kochen!”

Der Geizige wunderte sich, dass man Steine abkochen konnte, davon hatte er noch nie gehört, und falls das stimmte, war das ja wohl eine phantastische Geschäftsidee – und so gab er seine Einwilligung unter der Bedingung zusehen zu dürfen.

Der Mönch warf also einen Stein in einen Topf, füllte ihn mit Wasser, hing ihn übers Feuer und schmeckte nach einiger Zeit ab. “Mmmmmmh! Köstlich!” rief er aus, “es fehlt eventuell nur noch ein wenig Speck!” Der verdutzte Bauer gab ihm daraufhin eine Schwarte. Als nächstes war die Suppe wieder köstlich, aber es fehlten Würstchen. Auch die bekam der Mönch angereicht, und dann noch ein paar Möhren, Bohnen, Kartoffeln, Weißkohl, gewürfelte Tomaten – und einen Schweinefuß.

Der Reiche probierte und fand die Suppe auch sehr lecker, und bekam sogar ein Schälchen ab. Und stand dann noch lange – der Mönch war schon längst wieder über alle Berge – vor seinem leeren Vorratsregal und wunderte sich und wunderte sich…

Sklavenzwicken – oder die wilde Spiele der Germanen an der Algarve

NaDenn 27. May 2010

Schon die alten Germanen fuhren mit ihren Kindern an die Algarve in die Ferien und mieteten sich dort ein Ferienhaus. Damals musste man aber noch ziemlich wohlhabend sein, um solch eine weite Reise unternehmen zu können, und wer es sich eben leisten konnte, reiste nicht nur einfach in den sonnigen Süden, sondern lenkte sein Pferdegespann ein bisschen weiter in den Westen – weg von der Riviera, wo sich Hinz und Kunz und Franz tummelten.

War man endlich in Lagos an der Algarve angekommen, erwartete einen am Ortseingang ein berittener Führer, der das Emblem der entsprechenden Algarve Ferienhaus Agentur (Vilalaia) auf seinen Brustharnisch eingraviert hatte und meist eine erste Erfrischung bereithielt: einen jungen, noch “grünen” Vinho Verde – in Spezialbehältern im Rio Bensafrim gut gekühlt – und nun den ermüdeten Reisenden eingeschenkt, die aber meistens zu erschöpft waren um diesen Willkommensgruß angemessen zu genießen.

Die Germanen wären blass geworden vor Neid.

Die Germanen wären vor Neid erblasst.

In der Ferienvilla schließlich wurden als erstes die Zimmer verteilt, die Körbe, Kisten und Koffer ausgepackt, die Pferde getränkt und die vorgebratenen Fasanen verspeist – bevor man richtig relaxen konnte und die Dienstboten sich auf den Weg in die Stadt machten, um die Lebensmittel für den nächsten Tag zu besorgen. Die Sprache der Nahrungsbeschaffung ist universell – und wer sich dennoch nicht gleich verständlich machen konnte zeigte einfach auf seinen geöffneten Mund.

Zum Ferienanwesen gehörten – wie heute auch – meistens ein großer, gepflegter Garten und ein steinernes Wasserbecken, dessen angrenzende Liegefläche von Palmwedel schwenkenden Sklaven beschattet wurde. Die Spiele der Kinder unterschieden sich nicht sonderlich von denen der Kinder heutzutage. Schon immer machte es Spaß die Erwachsenen mit Wasser zu bespritzen, der Großtante Geckos ins Bett zu legen, im Pool zu toben und die Sklaven in den Hintern zu zwicken.

Am Strand baute man gerne Sandburgen und ließ sich kopfüber in die Wellen fallen – da wurden auch die Erwachsenen schnell wieder zu Kindern und standen diesen an Spieleerfindungsreichtum in nichts nach. Auch allerhand Schmuck und Tand aus Strandgut wurde angefertigt und abends stolz auf der Avenida vorgeführt, die mit Teerfackeln beleuchtet und von  Straßenhändlern bevölkert war, die frisch gegrillte Sardinen feilboten, Elfenbein aus Afrika, Süßigkeiten aus dem Maghreb – oder einen in eine der Hafenspelunken hineindrängten, wo der Bär auf den Tischen tanzte und die Fischersfrauen kehlige Gesänge von sich gaben.

Am Ende der Ferien wurde dann noch kräftig eingekauft. Andenken (Muschelmännchen, Pfeiffenköpfe, vergoldetet Fischgräten) waren und sind zweckfreie – und meist noch nicht einmal sehr schöne  – Kleinigkeiten, die aber in ihrer offensichtlichen Nutzlosigkeit den uneingeschränkten Geist von Freiheit und Wohlergehen in sich bergen.

Dieses geheime Wissen eint von je her Reisende aller Länder in Raum und Zeit.

Mandelblüte an der Algarve (Fortsetzung)

NaDenn 20. January 2010

Der Prinz, der seine Frau sehr liebte, obwohl er ja locker noch zwei, drei andere, zufriedenere dazu hätte heiraten können, zerbrach sich den Kopf, wie er die Mutter seines Erstgeborenen wieder zum Lachen bringen könne – und ließ zunächst einmal Schnee aus den Alpen ankarren. Der Weg war weit, die Pferde nicht eben schnell, einen halben Tag hatte die Prinzessin eine schale Freude daran, dann war er weg und sie begann wieder zu keifen, hätte ich doch auf meine Eltern gehört, hätte ich doch Prinz Olaf mit dem Buckel geheiratet und so fort. Der Prinz konnte Platten abspielen, soviel er wollte, er konnte mit Hilfe des englischen Ideoms alte Zeiten heraufbeschwören, er konnte sich im Schlafgemach zum Affen machen – keine der zahlreichen Aufmunterungen half: die Prinzessin war dem Heimweh verfallen.

Da geschah es, dass ein umherziehender Illustrator das Schloss besuchte und um die Gelegenheit einer Mappenpräsentation bat. Er hatte ein spitzes Mausgesicht, schlechte Zähne und sah sehr hungrig aus, weshalb man ihm erstmal in der Küche eine Suppe verabreichte, bevor er seine Arbeiten vor dem Prinz ausbreitete, die in der Hauptsache wohlproportionierte, nordafrikanische Mädchen zeigten, die sich vor blühenden Mandelbäumen im Tanze wiegten.

Das war’s! – es gibt moderne Untersuchungen in denen nachgewiesen wurde, dass 85 Prozent der Geschichtsereignisse auf Zufall beruhen, 15 Prozent sind geplant und die restlichen 10 sind undefiniert – der Prinz hatte seine Idee bekommen. Eilig ließ er Mandelbäumchen heranschaffen, soviel er nur irgend kriegen konnte, selbst unter der Bedingung, dass sie aus privaten Schonungen ausgegraben werden mussten, und dann wurde gepflanzt. Rings ums Schloss und über die Ebenen und soweit das Auge reichte. Die Prinzessin, die nicht recht begriff, wozu das gut sein sollte, sah dem Treiben mit einigem Abstand depressiv zu.

Aber dann kam der Frühling und mit ihm Ende Januar das große Naturerwachen – und da verstand sie endlich: die unzähligen Bäume hatten zu blühen begonnen und das sah, wenn man von oben drauf guckte und kurzsichtig war, aus wie Schnee! Da fing die Prinzessin an zu jubeln, sie verließ ihren Posten im Turm und rannte in die weiße Pracht hinaus und tanzte und hüpfte – und auch einen Schneemann mit Möhrennase und echten Ohren baute sie.

Mandelblüte an der Algarve

NaDenn 5. January 2010

Es war einmal eine schöne Prinzessin, die mit den gepuderten, geleckten Prinzen, die sie bei Hofe umschwärmten nichts anfangen konnte und sich kurzerhand in einen maurischen Thronfolger verliebte. Der hatte einen dunklen Teint, einen schwarzen, gelackten Schnurrbart, Augen wie glühende Kohle und roch nach Kamel und Abenteuer – das war ihr sofort aufgefallen, als er das erste Mal ihre Hand ergriffen hatte und sie küsste.

Der Prinz kam aus der Algarve und hatte nach den vielen Schlachten mit den Einheimischen erst einmal Urlaub nötig. Was lag da näher, als endlich die Einladung einer entfernten Tante anzunehmen und sich an einem nordeuropäischen Hofe dem Vergnügen hinzugeben? Er reiste also an, mit Dienern, Zofen, Infanten, Granatäpfeln, Nesperas und einer Plattensammlung Fado. Den Begriff hatte er – der Geschichte vorgreifend – nur erfunden: in Wirklichkeit waren es versklavte Musiker, die auf sein prinzliches Fingerschnippen ihr Repertoire abspulten.

Es kam, wie es kommen musste, der Prinz und die Prinzessin fielen “in love” – die Prinzessin, die grad Englisch lernte, prägte diesen Begriff, der fortan für ihre ganz spezielle Liebe stehen sollte – sie wurde schwanger und ordentlich ausgeschimpft und dann konnte die Hochzeit stattfinden: zehn Tage und zehn Nächte dauerte das Fest, an dessen Ende der Koch kollabierte.

Dann wurde gesattelt, finale Proviantkörbe gepackt, die Prinzessin bekam von ihren Freundinnen eine Liste von Dingen zugesteckt, die sie an der Algarve besorgen und ihnen per Boten zukommen lassen sollte, sie  begab sich in ihre mit Zobel ausgekleidete Sänfte – Elterntränen, Ermahnungen, ein letztes enthusiastisches Winken, und los ging’s Richtung Süden der Heimat des Ehemanns entgegen.

Dort gabs noch ein Fest und noch eins und dann wieder eines zur Geburt des Sohnes, und dann kam der Winter. Es war zwar einigermaßen kalt und es regnete wie es im Norden nie geregnet hatte, die Wege waren so durchweicht, dass man oft knöchelhoch im Matsch einsank, ganze Landstriche waren überflutet, dauernd knickten die Pferde im weichen Untergrund um, die Häuser der Algarvios, die nicht heizten, weil sie befürchteten, sich dann draußen zu erkälten, waren innen und außen grün vom Schimmelpilz – aber sollte das alles an Winter sein? Wo war der knallblaue Himmel über einer kristallinen, harten Erde? Das kalte Aufblitzen der gefrorenen Pfützen? Wo war der SCHNEE? Die Prinzessin saß an ihrem Erkerfenster, der Regen platschte und sie vermisste.

(Fortsetzung folgt)

Schlaflos

NaDenn 23. January 2009

Der Infant Dom Sebastião wurde mit 14 Jahren König von Portugal, dagegen ist Barack mit seinen 47 schon alt, was mich angeht aber jung, denn ich bin im selben Jahr geboren wie er – und über wen herrsche ich?
Wollte ich überhaupt herrschen? frage ich mich tröstend als nächstes. Dom Sebastiao hätte sich fragen können, ob er als Alternative denn ein Leben als ewiger Prinz vorgezogen hätte, ähnlich jenem fernen Charles, dessen Ohren eine feste Einfassung sicher schon eher gut getan hätten – aber auch er hatte keine Wahl.

Was macht man mit 14 auf dem Thron? Die Feierlichkeiten sind vorüber, die Geschenke alle ausgepackt.  Sebastião sitzt da im großen Saal und knibbelt an den Fingernägeln. Jemand bittet um eine Audienz. Komisch, um diese Zeit? Es ist halb vier in der Früh. Soll rein kommen.

Ein altes Mütterlein mit einer Kiepe auf dem Rücken. “Junger Herr”, krächst es.
“Was fällt ihr ein? Verbeuge sie sich, bevor sie mit mir spricht!”
Das Mütterlein verbeugt sich und dabei kullert der Kiepeninhalt vor ihr auf den Boden: blanke Äpfel, Kämme, Mieder…
“Was habt ihr da, Mütterchen? Lasst sehen!”
Der König ist aufgesprungen und wühlt unmajestätisch im Angebot. Ein besonders rotbäckiger Apfel weckt sein Interesse und er beißt herzhaft hinein. “Nein! Der ist nicht …!” – hört er das Mütterchen noch in weiter Ferne schreien – und bricht bewusstlos zusammen.

Als er wieder zu sich kommt, bemerkt er wie jemand schwitzend und vor Anstrengung laut stöhnend seinen Knabenbrustkorb bearbeitet. Es ist ein merkwürdig kleines Männlein mit einer roten Mütze auf dem Kopf. “Na endlich”, sagt es, als Dom Sebastião sich zu bewegen anfängt – “und Entschuldigung soll ich ausrichten. Die Hexe hat sich in der Tür vertan.”
Es verneigt sich und ist im gleichen Augenblick verschwunden.

Der junge König liegt keuchend auf dem Marmorfußboden. Was war das jetzt gerade? versucht er zu resümieren, aber sein logisches Denkvermögen rutscht ihm immer wieder weg. Er rappelt sich auf. Besteigt seinen Thron…knibbelt verwirrt noch ein bisschen….

Dies sind Momente im Leben eines Regenten, die nicht in den Geschichtsbüchern zu finden sind.