Erinnerungen, Einkaufstaschen und die Weite Welt

NaDenn 17. June 2010

Ich geh in Lagos an der Algarve die “Avenida dos Descobrimentos” hinunter, ich seh auf die Bucht und denke, wie privilegiert ich doch bin, an einem Ort leben zu dürfen, der für viele gestresste, Ruhe bedürftige, Strand liebende, Felsküsten begeisterte Deutsche ein heiß begehrtes Urlaubsziel ist: die Algarve! – Ich schlender also unter südwestlicher Sonne, summe sogar ein bisschen vor mich hin – und seh plötzlich, etwa 20 Meter von mir entfernt, Frau Wentoff, unsere alte Nachbarin, mit einer ausgeleierten Stoffeinkaufstasche die Straße queren.

Komisch, denk ich, die hat sich gar nicht verändert, bzw. die läuft in ihrem Algarve Urlaub genauso rum wie wenn sie nicht in Urlaub ist und zu Hause nur eben für sich und ihren Mann bei REWE Einkäufe macht. Dieselbe Kleidung: festes Schuhwerk, silbrig schimmernde Nylonstrümpfe, wadenlanger Wollrock, ein gestricktes Sommerpullöverchen mit Dreiviertelarm.

Ich beschleunige meinen Schritt und rufe dabei – erfreut, jemand aus meinem früheren Leben zu treffen – da wendet sich die Mutter meines besten Sandkastenfreundes um … und ist es gar nicht. Nur auf den ersten Blick, aber auf den zweiten und dritten nicht ansatzweise. Sie ist auch viel jünger und offensichtlich Portugiesin, denn der Pullover ist ihr mindestens 2 Größen zu klein – für Portugiesinnen kann Kleidung nicht eng genug sitzen – aber Frau Wentoff, da bin ich mir sicher, teilt diese südländische Neigung nicht.

Kennen Sie das auch?

Die Welt wird immer kleiner. Seit wir mit dem Flugzeug in Null komma Nichts überall hinreisen können, treffen wir in aller Herren Länder Bekannte wieder. Nicht wirklich – zwar kann es vorkommen, dass einem plötzlich in Bolivien auf einem Seitenarm des Rio Grande ein entfernter Cousin in seinem Paddelboot entgegenschippert – aber das meine ich nicht: ich meine damit, dass je größer der Radius wird, die Unterschiedlichkeiten umso kleiner werden. Das menschliche Motorikrepertoire und die Gestik haben eben ihre Grenzen, und innerhalb derer müssen sich alle Menschen und alle Nationen und alle Völker ihre Individualitäten aufteilen.

Und so kommt es eben, dass es eine Frau Wentoff in Uganda und in Paraguy und  in einem Ferienhaus an der Algarve und in Amsterdam und im Urwald in einer Rundhütte gibt, die in einigen von uns Erinnerungen wachruft, die eigentlich gar nichts mit ihr zu tun haben – und dann auf eine gewisse Art wieder doch.

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