Tia Maria

NaDenn 23. June 2009

Der Typ trägt eine klotzige Hornbrille, hinter der seine Augen riesengroß und wie in Wasser getaucht aussehen. Er ist Mitte 30, trägt ein flatterndes, kurzes Turnhöschen zu braunen Sandalen, sein schmaler Oberkörper ist unbehaart, bis auf ein wenig Flaum um die Brustwarzen, ein goldenes Kettchen ziert ebenfalls seine Brust.

Es ist Sonntag. Seine Mutter ist heute ausnahmsweise zu Hause geblieben, die Tischdecke für Tia Maria zum Sechzigsten muss unbedingt noch fertig gehäkelt werden, geh allein, filho, hat die Mãe also nach dem umfangreichen Mittagessen gesagt – und sieh zu, dass du endlich eine Frau findest, ich möchte nicht die Einzige in deinem Leben gewesen sein.

Also ist João an den Boca do Rio gefahren, das ist der Strand direkt bei Budens auf der anderen Seite der N125. Er hat rechts an der Ruine der alten Fischkonservenfabrik geparkt, wo es etwas erhöht ist, und von wo er einen guten Überblick über die schon anwesenden alleinstehenden Frauen und die neu hinzukommenden hat.

Plötzlich – ich komm grad aus dem Wasser, ich triefe und taste blind nach meinem im Sand liegenden Handtuch, steht er neben mir,  “tá frio, nao è?”  Ich zuck zusammen. Wie bitte? “It is cold – the water! The water is cold.”
Não, sage ich, es ist warm – und guck runter auf einen Mann, den ich um drei Köpfe überrage und der so aussieht, als wäre etwas in seinem Leben ganz und gar nicht in Ordnung, der aber unbedingt so tun will, als ob.

Ich breite mein Handtuch unter mir aus und leg mich drauf und schließe die Augen, aber ich spüre Blicke auf mir, und als ich wieder aufsehe, steht der Typ noch immer da. “Mir ist es egal,” sagt er, “was meine Frau macht, sie kann auch ruhig eine Ausländerin sein, ich würde Frauen nie schlagen, ich wünsche mir viele Kinder, ich habe drei Häuser und ein Weingut – bitte kommen Sie mit zum Abendessen, meine Mutter ist eine gute Köchin, wir würden uns eine Haushaltshilfe leisten können, Sie hätten ein angenehmes Leben, Sie bräuchten nicht viel zu tun.”

Ich seh von unten gegen ein vorgeschobenes, zitterndes Kinn, über dem die Kanten dicker Brillengläser schweben und hab keine Ahnung, was ich jetzt tun soll. Ich finde, das Leben bereitet einen einfach nicht gut genug auf solche Extremfälle vor. Ich könnte natürlich jetzt aufstehen und den Arm um dieses schmale Männlein legen, aber dabei würde ich mich schrecklich fühlen – auch schrecklich überheblich, ich weiß mir einfach keinen Rat.

Es hilft nur eins: warten, dass die Zeit vergeht und ich irgendwann wieder am Schreibtisch sitze und dies hier aufschreibe – als wäre es nie geschehn.

Kommentarfunktion ist deaktiviert.